[DE] Die Reise von Gustav und Alisar [Kurzgeschichte]

in #deutschlast year (edited)

Die Reise von Gustaf und Alisar
Oder: Eine Geschichte von Sonne und Mond
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Bedächtig näherte sich Alisar der Kochstelle. Sie nahm den Krug vom Kopf und betrachtete für einen Moment ihr Spiegelbild. Unter einer Schicht aus hellem Leinen, umrahmt von grünen Tüchern, trat eine zierliche Hand hervor, unnahbar aber kräftig.
Über 30 Jahre in einem einfachen Viertel am Rande einer großen Wüstenstadt hatten ein Gesicht gezeichnet, das seine zarten Züge nie verloren hatte. Obwohl ihre tief liegenden Augen bereits die Härte eines kargen Lebens kennengelernt hatten.
Sie schüttete das Wasser in den Kessel, entzündete unter dem Getöse fliehender Späne das Feuer und hielt inne. Rahyl war noch immer nicht gekommen. Dabei hatte sie nur kurz nach den Nachbarn sehen wollen.
Da betrat sie den Hof, zusammen mit zwei Männern. Einer hielt die Arme verschränkt hinter dem Rücken. Der andere hielt sie sich gebetsartig vor den Mund. Es waren die Nachbarn Gafar und Elias. Sie verbeugten sich und blieben stehen. Schweigend betrachteten sie Alisar. Als sie ihre Blicke nicht mehr aushalten konnte, bot sie ihnen an, sich zu setzen. Zögerlich fing Gafar an, das Elend der letzten Tage und Nächte zu beschreiben und berichtete Alisar, wie schlimm es um seinen Sohn stand.

Seine Mutter hatte die Geburt nicht überlebt und ihre letzten Atemzüge einem neuen Leben geschenkt. Doch es stand schlecht um Gustaf. Alle glaubten, dass die Mutter ihm fehle und er es nicht schaffen würde.
Nach einer Weile konnte er seinen dringendsten Wunsch nicht mehr zurückhalten: „Der Junge muss einem Heiler übersandt werden. Wir haben schon alle gefragt, die wir kennen, aber niemand kann ihm helfen. Seine Krankheit sitzt an einem Ort, den niemand erreichen kann. Im Norden soll es einen Mann geben, dem wundersame Kräfte nachgesagt werden. Er habe schon Totgeglaubte gerettet.“

Elias ergänzte: „Wir wissen, was die Leute sagen. Aber wir werden ihn nicht sich selbst überlassen. Auch wenn er durch die Krankheit unrein ist. Er gehört doch zur Familie. Wir dürfen ihn nicht im Stich lassen.“ Alisar wusste, was er meinte. Es hieß, etwas Reines werde unrein, wenn es sich mit etwas Unreinem verbindet.
„Wir möchten ihn der nächsten Karawane mitgeben, die Richtung Morgenland zieht. Alisar, du bist die Reinste unter uns. Dir allein trauen wir die Reise zu. Du bist unsere letzte Hoffnung. Die Karawane wird drei Monde brauchen – oder länger. Aber sie ist der einzige Weg. Nimm ihn. Bring ihn zum Heiler.“ Er verbeugte sich und wartete.
Ohne ihren Blick von den Männern abzuwenden, hängte Alisar den Reistopf, der kräftig brodelte, um eine Stufe höher. Ihr Blick und ihr Atem wurden unruhig.

„Habt ihr schon mit dem Karawanenführer gesprochen? Ich hörte, er nimmt nur die Kräftigsten mit. Hat er Gustaf gesehen?“

Elias nickte: „Wir haben ihn ordentlich bezahlt und er hat eingewilligt. Trotzdem ist er im alten Glauben und besteht darauf, dass eine reine Frau ihn begleitet. Er wird keine Probleme machen, aber du solltest dich verhüllen, um unter den Männern keine Aufmerksamkeit zu erregen.“.

„Keine Aufmerksamkeit…“ ging es Alisar durch den Kopf. Ein krankes Kind würde genug Aufmerksamkeit für zwei auf sich ziehen.

„Bitte, zeigt ihn mir. Ich muss ihn sehen.“

Die Gruppe verließ das Haus und bog in eine Nebengasse, in der ein paar Kinder spielten. Als sie sahen, wie die Amme und Gafar das Haus mit Gustaf verließen, hielten sie inne. Gustaf hatte Schweißperlen auf der Stirn. „So geht es den ganzen Tag.“
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Vor der Reise besuchte Alisar Ludysim, den Seher. Als sie ankam, saß er am Straßenrand, malte Kreise und murmelte vor sich hin. Wie ein Wüstenkind schien er ganz mit seiner Umgebung verschmolzen und eingenommen von der Sonne und dem Sand der Sahara. Er lud seine Klienten ein, seine Stube zu betreten, blieb selbst aber draußen. Er wies jeden an, den Raum erst zu verlassen, wenn er sich eine Frage überlegt hatte, denn er nahm nur eine einzige an.
Alisar ging mit Gustaf im Arm hinein und setzte sich auf den Boden, auf dem ein einfacher roter Teppich lag. "Gustaf? Was wollen wir ihn fragen?" Er schlief die meiste Zeit und schien auch jetzt nicht teilzunehmen. Sie drückte ihn an sich, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und fragte sich, in welcher Welt er jetzt wohl war. Würde sie ihm irgendwann in seine oder er ihr in ihre folgen?

Um ihm seinen Schlaf zu erleichtern, summte sie etwas und wiegte ihn. Manchmal, Alisar wusste nicht warum, hörte sie, wie aus ihrem Summen mehr wurde und nahm fast so etwas wie Flötentöne in weiter Entfernung wahr, die ihr etwas zuriefen. Sie wiegte sich jetzt selbst zu ihrem Klang und vergaß, warum sie eigentlich da war. Erst als die Sonne unterging und die Schatten länger wurden, stand sie auf und blickte zu Ludysim hinaus.

"Hat der Wind euch eine Frage zugetragen?"

– "Ja, so ähnlich. Es waren wunderschöne Töne. Die einer Flöte, glaube ich. Bitte Seher, sagt mir, werden Gustaf und ich die Reise, die uns bevorsteht, wie geplant beenden?"

Ludysim glättete das Bild, das er vor sich im Sand gezeichnet hatte und erhob sich: „Die Wüste besiegt nur, wer aus seinen Schritten ein Mosaik zu basteln weiß.“

Er nickte ihr ein letztes Mal zu, bevor er um's Haus bog.
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Durch etwas, das zu einem Sandsturm werden wollte, ritt eine Karawane, auf der Alisar nur mitschreiten durfte. Sie ging jeden Schritt in der Würde einer stillen Sänfte, doch es trugen sie unruhige Gedanken. Vor ihr ein kränkelndes Bündel, das alle Gustaf nennen und das niemand berührt, weil eine teuflische Krankheit ihn besitzt. Er atmete schwer; nur widerwillig hat man ihn auf einen Karren gehievt, den eines der letzten Kamele zog. Jeden Tag versuchte sie, dem Jungen ein Wort abzuringen, ihm den Weg durch die Glut zu erleichtern. Abends bettete sie ihn weich, damit er alles Gewesene vergessen konnte.

Hier und dort empfing sie Mitleid für ihr Tun, manchmal eine helfende Hand. Aber für die meisten war sie nur eine arme Frau, die sich, warum auch immer, dieses Knaben angenommen hatte.
Alisar dachte wieder an Ludysim und spürte, wie sie mit jedem Schritt ein Mosaik absteckte, das nur aus Schattentönen bestand. Als wandelte sie in einem abgedunkelten Raum auf zersprungenem Glas. Es würde ein weiter Weg sein bis das Mosaik farbig würde.

Der Tag hatte keinen Takt und die Sonne verwandelte die Wüste in endlos glänzende Splitter aus Licht. Woher hatte der Karawanenführer sein Richtungsgefühl?

Nachts hauchte Alisar mit ihrer Stimme den Wunsch nach Erlösung in den Wind. Es war der schwermütigste Gesang, den die Wüste je hörte. Eine sanfte Partitur auf einer Windböe. Eines Abends, als sie sich schon dicht neben Gustav gelegt hatte, war ihr als hörte sie Antworten. Es war dieser Moment zwischen Tag und Nacht, Schlafen und Wachen, der sie von ihrer Reise wegholte in ein gelobtes Land.

Alisar folgte der Stimme und glaubte sich für einen Moment in einem tropischen Dickicht aus Farnen, Palmen und schweren Baumwurzeln. Alles war ineinander verschlungen und es war eine Kunst, darin Pfade auszumachen. Das einzige Wort, das zu ihr durchdrang war "Hier." Immer wieder "Hier". Dann erwachte sie und nahm wahr, wie jemand eine Schüssel unter die Zeltwand schob und ein paar Mal gegen das bronzefarbene Metall klopfte.

Jemand hatte ihr Essen gebracht. Das Geschenk glänzte vor ihr im Mondlicht und noch bevor sie sich bedanken konnte, war die Stimme verschwunden. Nur der Wind pfeifte um die Zelte und tat als gäbe es in diesem Moment nur sie, Gustav und den Mond. Für ein paar Minuten saß sie allein und sprach ein Gebet in die Nacht.

Alles ist gut, wenn die Sonne mich streift.
Sie lächelt auch zum Mond so bleich.
Er ist das traurigste Gestirn am Firmament,
weil kein Stern seinen Namen kennt.

Erdschatten und Sonnentempel
Sind auf dem Mond zuhaus.
Sie rufen in der kargsten Gegend
Die schönste Wohnstatt aus.

Abends, und auch nur dann, wenn weit und breit keine Wüstenstürme auszumachen waren, begannen die Mysterientänze. Sie weckten Alisar auf. Dann saß sie eingebettet in Trommelklänge, die von weit her zu kommen schienen, Ketten und Glocken, die im Takt rasselten und Gesang, der sich mit hohen Tönen und enormer Ausdauer gegen die Zeit stemmte, die für eine Karawane nie zu vergehen schien.

Es war das, was auf einmal da war und dann wieder verschwand. Ein Traum, der Alisar in eine Welt ohne Raum und Zeit zog und dort halten wollte. Sie vergaß, was sie am Tag gesehen hatte. Die sengende Hitze, die schweren Schritte und die Einsamkeit, die sie sich nur mit Gustav teilte.

Der Tanz begann immer ganz unwillkürlich. Die Zigeunerinnen versammelten sich um das Feuer, redeten nicht, sondern bereiteten sich, indem sie die Glut schürten, auf die Reise vor, die sie davontragen sollte. Es fing mit einem Stampfen an, bei dem die Frauen sich auf einen Takt einigten. Die erste hob die Arme über ihren Kopf und klatschte dazu.
Es folgte die nächste und irgendwann stimmte eine von ihnen mit einem Gesang, der wie aus Urzeiten sprach, ein Lied an, das Klage, Hoffnung und Güte zugleich war. Während die Melodie sich wie von selbst ergab, schien der Wind den Tänzerinnen die Worte zuzuraunen. Sie kamen jetzt nicht mehr nur aus einem, sondern aus vielen Mündern. Irgendwann auch aus Alisar's, die sich dabei ertappte wie sie mitsummte. Für einen Augenblick wog ihr Herz weniger und sie hoffte innigst, Gustaf empfinde ähnlich.
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Irgendwann, es musste im letzten Drittel der Etappe gewesen sein, fanden Alisar‘s Gebete Gehör. Gustaf, dessen Lippen schon weiß wie Alabaster waren, wandte sich an sie und schien zu fragen: „Warum richtest du dein Licht auf einen, der verloren ist, obwohl du selbst so blass bist?“. Alisar strahlte ein schmerzliches Lächeln: „Jeder Mensch ist so viel wie die Schöpfung selbst. Du bist ein Teil des Rätsels und ich ebenso.“. Dabei richtete sie ihn etwas auf. „Ich möchte dir deinen Platz darin geben, wie auch ich ihn einzunehmen wünsche. Und wenn du ihn nur einnehmen kannst, weiß ich, dass auch ich ganz in seiner Nähe bin. Es ist mir egal, wer du bist und für wen die anderen dich halten, solange die Schöpfung dich heilig hält.“. Darauf fiel Gustaf in einen langen Schlaf und lächelte Alisar nur noch wie aus Fieberträumen an.
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Der Mond hatte sich bereits über ihr ausgebreitet und schickte einen Fächer aus Licht über die Dünen. Sie blickte zurück in die Richtung, aus der sie kamen und war nun, wo die Nächte sternenklar waren und das Mosaik seine ersten Farben zeigte, vom Frieden beseelt.

Am nächsten Tag, die Karawane hatte sich gerade aufgemacht, kam ein Mann in Dienerkutte. Es schien, als wollte er an der anderen Seite des Dromedars an Alisar vorbeigehen. Sie ging weiter ohne aufzublicken. Er hielt mit ihr Schritt und machte sich mit einem Räuspern bemerkbar. Als Alisar die Kutte sah, erkannte sie den Helfer aus jener Nacht wieder. Sie spürte wie eine leichte Freude in ihr aufstieg. Ihr verhülltes Gesicht trug zwar nichts davon nach außen, aber es schien dem Fremden, als hätte er ein Leuchten in ihren Augen gesehen.

"Ihr ward sehr großzügig. Ich hätte euch gerne gedankt."

– "Es war mir eine Freude. Ich sah, was ihr tatet, und wollte euch helfen."

"Ich bringe diesen Jungen zum Heiler im Norden."

– "Der Junge hat großes Glück, dass es ihn zu Euch geführt hat."

"Wir haben gerade erst zwei Drittel der Strecke passiert. Manchmal denke ich, dass er es vielleicht nicht schafft. Er ist sehr schwach."

– "Ich verstehe. Bitte folgt mir." Er ging voraus und deutete auf ein Dromedar, an dem einige Taschen hingen.
"Es gehört euch bis wir am Ziel sind."

Er gab dem Karawanenführer ein Zeichen, damit er anhielt und Alisar auf das Tier steigen konnte. Sie folgte ihm wortlos und nahm plötzlich dieselbe Stimmung wahr, die sie aus den Mysterientänzen kannte.

Bevor er verschwand, rief sie: "Wie heißt ihr?" Er deutete nur nach oben und lächelte. Später, als es Zeit für das Nachtlager war und sie am Feuer zusammen aßen, stellte er sich als Bader vor, den Vollmond.

"Müsst Ihr nicht bei eurem Herrn sein? Wo ist er?"

Bader lächelte und es lag etwas Warmes darin, das Alisar einfing und regungslos machte.

"Ich bin selbst zum Herrn geworden, aber ohne meinen Glauben wäre ich nie soweit gekommen. Damals, da ich zu ihm fand, sah ich ein, dass er mich immer schon begleitet hat. Ich führte einst ein gefährliches Leben und hatte kein Ziel. Ich war in den Spelunken und beim Würfelspiel zu Haus und kam nie zur Ruhe. Und doch, wenn ich zurückblicke, fällt mir auf, dass mir nie etwas passiert ist. Ich hatte immer Glück, aber es war etwas anderes als Zufall."

"Was war es dann?"

– "Eine Stimme zeigte mir den Weg. Ich hörte sie nicht, aber ich konnte sie bei jedem Schritt spüren. Selbst als ich sie noch nicht hören konnte, musste ich ihr, so glaube ich zumindest, unbewusst gefolgt sein. Anders kann ich mir all das, was zu meinem jetzigen Leben geführt hat, nicht erklären."

Alisar nickte. In ihren Augen wiegte sich dieselbe ruhige See wie in Bader's. Sein Wasser barg noch unendlich viele Geheimnisse, aber es quoll über vor Freude über die Lebendigkeit allen Seins.

Bader nahm ihre Hand: "Meine liebe Alisar, morgen werden wir den Norden erreichen und ihr könnt den Heiler sprechen. Lasst mich euch auf dem Rückweg begleiten. Ich erzähle euch meine ganze Geschichte. Werdet ihr mir auch eure erzählen? Und Alisar begann zu erzählen. Sie erzählte Bader die Geschichte von Sonne und Mond.

Mancher sagt, die Große Mutter ist wie ein Engel, der schützend über der Welt schwebt und macht, dass die Blumen, Sträucher und Bäume gedeihen. Dass die Tiere und Menschen immer genug zu Essen haben und kein Bach und kein Fluss jemals versiegt. Manche sagen, sie ist die Erde selbst.
Die Wahrheit ist, dass sie hier und heute und immerzu unter den Menschen wandelt. Mal als Tänzerin in der Abendsonne, mal als helfende Hand und als eine Wüstenwanderin, deren Bündel ihr das Wertvollste auf der Welt ist, auch wenn niemand sonst es sieht.

Bildquellen
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04.03.2020 UTC -5