Vorsokratiker: Heraklit (544-483 v.Chr. ) - "Pantha rhei - Alles fließt."steemCreated with Sketch.

in #deutsch4 years ago

Von @parzifal1 heiß ersehnt kommt nun Heraklit, den man nur den Dunklen nannte. Dies hing damit zusammen, dass es den meisten recht schwer fiel und fällt ihn zu lesen und auch zu verstehen. Er tat dies angeblich mit Absicht, damit nur die Berufenen ihn verstehen. Ich empfehle dem geneigten Leser dieses eine Mal einen Text von mir mehr als nur einmal zu lesen. Es ist natürlich mein Wunsch, dass ihr das immer tut, doch dieses eine Mal ist es Pflicht. Spart euch den Upvote für andere auf, wenn ihr es nicht tut. Heraklit wurde oft missverstanden und noch öfter wurden seine Zitate aus dem Kontext herausgenommen und missbraucht. Um ein Beispiel zu nennen:

"Der Krieg ist der Vater aller Dinge"

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Foto von @mergesort.

Ich will mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche (übrigens auch jemand, dessen Gedanken missbraucht wurden) über ihn beginnen:

"Wahrscheinlich hat nie ein Mensch heller und leuchtender geschrieben. Freilich sehr kurz und deshalb allerdings für die lesenden Schnellläufer dunkel."

Heidegger nannte ihn:

"Einen Quell der Weisheit"

544 v. Chr. erblickte Heraklit das Licht der Welt und er erblickte es in Ephesus, einer Stadt, die man damals auch den "Marktplatz der Religionen" nannte- Dies hing damit zusammen, dass hier viele Kulturen aufeinander trafen und dadurch viele verschiedene religiöse Kulte praktiziert wurden und auch aus der Mischung heraus neu entstanden.
Die Perser hatten gerade die ionischen Küstenstädte unterworfen, hierzu zählten sowohl Ephesus als auch Milet. Auf dem griechischen "Festland" waren Athen und Sparta damit beschäftigt die jeweils alleinige Vorherrschaft zu ergattern.

Heraklit wurde in eine vornehme Familie geboren und war das Ebenbild eines Aristokraten. Er war am liebsten Einzelgänger und empfand für die Unwissenden, also die Masse nichts als Verachtung.
Er ging davon aus, dass die meisten dumm waren.

"Die Meisten sind schlecht",

das brisante Lebensmotto von Bias von Priene, einem der sieben Weisen, war eins seiner Lieblingszitate
Er selbst zeigte seine Verachtung mit Sprüchen wie

"Sie stopfen den Wanst wie das Vieh"

Der den Trieben erlegenen Masse war nicht anders zu begegnen, als sie mit Gewalt dazu zu bringen, zu ihrem eigenen Besten zu handeln. Weil die Massen eben nicht einmal in der Lage waren zu erkennen, was für sie das Beste sei, sprach er sich gegen Demokratie aus. Selbst wenn sie es erkannten, schädigten sie sich selbst, indem sie ihren Begierden folgten. Wie, wenn sie nicht einmal sich selbst beherrschen konnten, sollten sie regieren?

"Einer ist mir soviel wert, wie zehntausend, wenn er der Beste ist"

Was andere über ihn dachten, kümmerte ihn scheinbar nicht, er sprach immer das aus, was er zu kritisieren hatte. Hermodoros, ein Freund und weiser Staatsmann wurde des Landes verwiesen. Später wirkte eben dieser an der Zwölftafel-Gesetzgebung der Römer mit.
Heraklit ging alles andere als sparsam mit Kritik um. Öffentlich tat er kund, dass die Ephesier ( die Bewohner seiner Heimatstadt ) sich allesamt aufgrund ihrer Dummheit aufhängen sollten.
Er warf ihnen vor das sie die Mentalität

"Von uns soll keiner der Wackerste sein, oder wenn schon, dann anderswo und bei anderen."

der Gleichheit lebten und somit ihre blühende Stadt vor lauter Furchr und voll Neid, dass einer besser sein könne, in den Untergang trieben.

Trotz der harschen Worte versuchten ihn die Ephesier dazu zu gewinnen, Gesetze für sie zu entwerfen. Er lehnte dies als vergebene Liebesmüh ab.
Auch der persische Großkönig Darius hörte von ihm und lud ihn an seinen Hofe ein.
Heraklit antwortete prompt, dass er strenge Entsagung gegenüber jeglicher Schlechtigkeit praktiziere, dass er die Befriedigung jedes Neides meide, sowie auch jeder Überhebung seiner Person aus dem Wege gehe.
Das muss man Heraklit lassen, er gab sich mit wenig zufrieden. Es gehörte für ihn zum Aristokratendasein dazu. Daran lässt sich lange kauen. Doch es geht noch weiter.

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Das Ursprüngliche

Das "arché", das Ursprüngliche, war für ihn das Werden.
Das Gesetz des Werdens unterwirft alles.

"Wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen."

"Alles fließt - Nichts besteht."

Die einzige Aussage, die man mit absoluter Sicherheit über die Welt treffen können ist für Heraklit ist das ständige Werden und Vergehen der Dinge.

Übrigens lebten Laotse und Zarathustra zur etwa gleichen Zeit und sprachen ebenso vom Werden im ständigen Kampf der Gegensätze, wie Heraklit auch. Die drei haben jedoch höchstwahrscheinlich nichts voneinander gewusst.

Heraklit sieht jedoch hinter diesem ständigen Fluss des Werden und Vergehens eben ein Gesetz der Harmonie. Harmonie als Einklang entgegen gesetzter Spannungen

Einheit in der Vielheit, Vielheit in der Einheit

Für ihn gibt es auch eine Art Ursubstanz, er nennt es Urfeuer ( eher Urenergie ), in der er das Göttliche sieht und aus der auch die menschliche Seele besteht.

"Diese Welt hat kein Gott und kein Mensch erschaffen, sondern sie war immer und ist und wird sein, ein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen erlöschend".

Vereinigung der Gegensätze

Das Ewige ist dieses göttliche Geistesfeuer und es ist in allen Einzeldingen. Und das große Gesetz: der

"Einheit in der Vielheit und der Vielheit in der Einheit" sorgt dafür, dass die Ur-Energie sich ohne Pause in die Vielheit entfaltet, weiter und weiter. Dies gelingt, da eine ständige Einheit der Gegensätze vorhanden ist.

LEBEN und TOD

WACHEN und SCHLAFEN

SOMMER und WINTER

BÖSE UND GUT

Ohne diesen "Kampf" der Gegensätze gibt es keine Entwicklung mehr.
Um es nochmal anders zu sagen: Sämtliche Entwicklung gibt es nur, weil die Gegensätze im ständigen Kampf miteinander sind.

"Man muss wissen, dass der Krieg das Gemeinsame ist und dass alles durch Streit und unentrinnbare Gesetzmäßigkeit zum Leben kommt... Kampf ist der Vater von allem, der König von allem; die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien".

Versteht ihr, warum er der Dunkle genannt wurde?

Übrigens nennt Heraklit dieses Weltgesetz, das Einheit und Vielheit, Dauer und Wechsel "Logos", was für ihn nichts anderes bedeutet als "vernünftige Rede". Wie wir in meinem Post über Parmenides erfuhren, wird es heutzutage eher mit "Vernunft" übersetzt.
Erst derjenige, der die Gegensätze in sich selbst auch erkennt und sein Handeln danach ausrichtet, ist Weise. Es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, diese alles durchwaltende "Weltvernunft" zu erkennen.

Glück

"Denn für [einen] Gott sind alle Dinge schön und gut und gerecht, während die Menschen das eine für gerecht, das andere für schlecht halten."

Wir finden nach Heraklit nur zum Glück, wenn wir erkennen, dass unsere Seele als Teil des allgegenwärtigen Logos nach unserem Tod genau in diesen zurückfällt. So wie ein Licht, dass in der Nacht verlöscht.
Erkennen wir das, lernen wir auch unseren Eigenwillen in freiwilliger Ergebung dem göttlichen Logos unterzuordnen.
Dann und nur so erlangen wir unseren Seelenfrieden.
Heraklit schätzt die Kraft, die aus der Selbstbeherrschung gewonnen wird. Die Leidenschaften verachtet er, denn sie lenken den Menschen von seinem eigentlichen Streben, seiner wahren Leidenschaft ab.

Heraklit folgert am Ende seines Lebens, was Gott ist, den er für die Natur hält.

"Denn in einem besteht nur die Weisheit: Den göttlichen Ratschluss erkennen, der alles in allem durchwaltend lenkt."

Wer noch nicht weiß, was der göttliche Ratschluss nicht entdeckt hat, der hat sich selbst noch nicht erforscht und die Gegensätze, die Widersprüche in seinem Innern noch nicht gesehen.

Ganz im Sinne der Inschrift des Orakels von Delphi ,sagt Heraklit am Ende seines Lebens:

"Mich selbst habe ich erforscht"

Er zog sich im Alter als Einssiedler zurück in die Berge und starb zuletzt an Wassersucht. Er hatte sich selbst eine Gewaltkur verordnet im Versuch sich zu heilen und führte so seinen Tod im Alter von herbei.

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Heraklit ist für mich unter den Vorsokratikern eine hervorstehende Größe. Schon als Junge kam ich mit ihm in Berührung, da der Spruch,

"Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen"

immer von meinem Vater zitiert wurde und wird, wenn er oder ich, oder sonst jemand in seinem Wahrnehmungsbereich davon spricht: "Hätte ich mal dies oder jenes getan." "Beim nächsten Mal wird alles anders" oder ähnliche Floskeln.
Euer @bozo

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Danke:)
Ist halt einer meiner Lieblinge. Schonungslose Offenheit ist halt nicht jedermanns sache:)
Schönen Abend noch!

@parzifal1 mein guter, da treffen wir uns schon wieder mit einem ähnlichen Thema!!!!
Ja, alle Kulturen durchweg vergötterten (welch doppeldeutiges Wort ;-)) den Krieg....
@bozo, wir haben auch immer ähnliche Themen. Nice! Dein Blog passt zu meinem gleich. Ich hoffe ich darf deinen hier mitverlinken...! Ich machs einfach :-)
Schönen Abend noch, Jungs!

„ Die Meisten sind [halt] schlecht!“

Dir auch einen angenehmen Abend

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