Carriacou - kleine Insel, große Folgen (8/8)

in #deutsch2 months ago

Mit Stan & Cora, Joanna & Andy, Siri & Harald, Sahra von der Alani und einigen mehr haben wir wirklich gute Nachbarn bzw. Freunde und es kommen fast täglich neue dazu. Wir treffen uns am Abend häufig in einer der Bar‘s, das Frog‘s wird für uns wie für viele Segler zum Treffpunkt, Wohnzimmer und Nachrichtenzentrale. Egal ob auf einen Kaffee, zum Arbeiten, E-Mails checken, Wifi nutzen oder dem wöchentlichen Konzert der Ruff‘a Nuff‘s, man trifft immer bekannte Gesichter, hört die wildesten Strorries und natürlich die wichtigsten News. Es geht nicht ganz so international zu wie auf den anderen Inseln oder in andern Bars, denn Carriacou scheint wohl sehr fest in „französischer“ Hand zu sein. Für uns aber mal wieder eine gute Gelegenheit, Vorurteile abzubauen. Seit unserem Besuch auf Martinique und auch während unsere Reise sind uns die Franzosen nicht unbedingt an‘s Herz gewachsen. Zu arrogant, zu egoistisch, wenig Respekt für geltende Regelungen, manchmal wie die Axt im Walde und immer wieder das Problem der unmöglichen Kommunikation. Im Frog‘s ist das jedoch anders. Zu unserer großen Überraschung sprechen einige der „unliebsamen Nachbarn“ ganz passabel Englisch, wenn es Verständigungsprobleme gibt, helfen Hände und Füße und wildes Gestikulieren. Interessanterweise bestätigen uns einige Franzosen genau diese Ressentiments, nicht selten sind sie enorm verärgert und bringen überhaupt kein Verständnis für das Verhalten ihrer Landsleute auf. Die Mehrzahl derer, die uns gegenüber so offen sprechen sind allerdings schon länger hier. Sei es Coralie, Esaban, Olivia, Julie & Patto, JP, Marco, Genevieve, Murielle & Patrik … sie alle sind irgendwann auf Carriacou hängen geblieben oder haben sich bewusst für dieses kleine Eiland entschieden. Sie haben ihren alten Job/ihr altes Leben an den Nagel gehängt, sind per Boot gereist zum Teil die gleiche Strecke wie wir, sind aus irgendeinem Grund geblieben und haben sich hier eine neue Existenz aufgebaut. Der Erfolg gibt ihnen Recht, je nachdem wie man Erfolg definiert aber keiner sagt mir, er/sie habe diese Entscheidung bisher bereut. Es ist nicht das große Geld was hier verdient wird, aber mit einer - sagen wir mal - „europäischen“ Arbeitseinstellung und etwas Talent, Geschick und Geschäftssinn, lässt es sich allem Anschein nach durchaus gut und vor allem entspannt in der Karibik Leben und Arbeiten. Keine Frage, auch hier scheint nicht immer die Sonne, die kulturellen Unterschiede können nicht immer mit smoother Ragge-Musik überdeckt werden und das Geld für Wohnen, Essen, Sonstiges muss erstmal verdient sein. Trotzdem, für mich erscheint eine Rückkehr in die deutsche Lebensweise und vor allem Arbeitswelt immer abwegiger, abstruser und wenig zufriedenstellend … Und ganz ehrlich, wer würde in der aktuellen, sich erneut zuspitzenden Situation nicht lieber hier statt in Deutschland sein?!

Die Frage nach dem „Wie Weiter“ wenn wir nach Deutschland (jemals) zurück kommen beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Erste Zweifel, dass ich in der „alten Heimat“ nach all den Erfahrungen, Erlebnissen und Beispielen, wie es auch gehen könnte, wieder glücklich werde, sind mir schon in Dominica gekommen. Wir haben das Thema meist nur ganz kurz angeschnitten, abgetan und verdrängt, da mit dem gewonnenen bzw. erzwungenem Jahr noch unglaublich viel Zeit für eine Entscheidung vorhanden schien. Die Frage ließ mich jedoch all die Wochen nie so richtig los. Um Antworten zu finden, das Für und Wider abzuwägen, das Risiko abzuschätzen und zu Begreifen, was mich genau umtreibt, suchte ich das Gespräch mit vielen Seglern. Allen voran natürlich Stanek & Cora. Wobei ihre Geschichte natürlich außergewöhnlich ist und die Umstände damals vor 40 Jahren den Ausstieg aus Deutschland zu wagen, mit heute überhaupt nicht zu vergleichen sind. Aber auch Andy & Joanna haben diesen Schritt getan, Jan und Maggi in Dominica ebenfalls. Ich könnte noch unzählige Namen aufzählen, von Leuten die ich hier bzw. unterwegs kennen gelernt habe. Nicht alle Geschichten und Lebensläufe sind schön oder einfach oder nachahmenswert. Es dauert lange und bedarf viel Zeit, bis von den ausschließlich oberflächlich tollen Erfahrungen, ein Einblick in die schwierigen Momente gewährt wird. Wir kennen genug Segler, die Jahre unterwegs sind, die mit großem Enthusiasmus gestartet sind und die irgendwann, meist auf Grund von Geldproblemen, hängen geblieben sind. Die Seglercommunity ist besonders bei diesem Thema recht verschwiegen, nur wenige berichten offen über Probleme und Sorgen. Keiner will zugeben, dass der große Traum von Freiheit irgendwo, irgendwie, an irgendwem gescheitert ist. Und dennoch haben viele perfekte Fassaden Risse, leidigstes Thema ist dabei meist das Geld. Paare bleiben zusammen auf ihrem Boot, weil es für beide keine andere Möglichkeit gibt. Das Boot ist das zu Hause und da das Geld für ein zweites fehlt, arrangiert man sich eben auch wenn man nicht mehr wirklich zusammen ist. Andererseits haben wir/ich unterwegs unzählige Europäer getroffen, die sich bewusst für ein Leben in der Karibik entschieden haben, die sich auf das Risiko, das Abenteuer und die Verwirklichung eines neuen, anderen Lebens eingelassen haben. Nicht jeder ist zufrieden, nicht jeder ist reich geworden, aber was ist schon reich? Ist es der mit viel Geld, mit stetiger Arbeit, mit einem unkündbaren Job, mit vielen Absicherungen, mit einem schicken Haus, viel Anerkennung und dickem Rentenfonds? Oder der mit dem Mut zum Risiko, der mit Blick auf das Heute statt auf das Übermorgen, der der begreift, dass das Leben kurz ist, der sich die Zeit nimmt im Jetzt zu leben statt auf abgesicherte glückliche Tage in ferner Zukunft zu hoffen?

Für einen Reiseblog sind das ohne Frage komplizierte und ungewöhnliche Gedanken, aber für mich sind sie entscheidend und tragen vielleicht dazu bei zu verstehen, warum dies höchstwahrscheinlich mein letzter Blogbeitrag sein wird.

Während ich jetzt zum x-ten Mal versuche, meine Gedanken zu ordnen und diesen letzten Absatz zu schreiben hat Martin Carriacou verlassen und ist nach Grenada gesegelt. Auch diese Formulierung ist nicht richtig, denn letztendlich habe ich ihn verlassen. Die Gründe im Einzelnen aufzuführen ist an dieser Stelle ein Ding der Unmöglichkeit. Und auch wenn ich auf diesem Blog viel Persönliches geschrieben habe, Einblick in meine Gedanken- und Gefühlswelt gegeben habe, ist ein öffentlicher Blog einfach nicht die richtige Stelle, um das Ende einer Beziehung auszudeklinieren. Ich weiß, dass ich mit meiner Entscheidung, dass Ende unserer gemeinsamen Reise einläute, dass ich mir damit die Chance verbaue, gemeinsam mit Martin neue Insel, Ziele und Segeltörns zu erleben … am Schwierigsten jedoch, am Unverzeihlichsten ist allerdings die Tatsache, dass ich ihn mit Selene alleine lasse. Ich kann nur soviel sagen: Wer mich bzw. uns kennt, wird wissen, dass ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht habe, dass ich auch jetzt da ich schreibe, Zweifel habe, mich das schlechte Gewissen plagt und ich traurig bin, dass wir bzw. ich an diesen Punkt gekommen sind. Wie es nun weitergeht mit mir auf Carriacou und Martin auf seinem Schiff, wird die Zeit zeigen. Für ihn ist der Blick in die Zukunft ohne Frage weitaus schwieriger, denn für ihn kam das Ende zwar nicht überraschend aber doch wie ein Schlag in die Magengrube. In ein paar Tagen sehen wir uns hoffentlich wieder, Stanek feiert seinen 75 Geburtstag und auch wenn uns nicht zum Feiern zumute ist, wäre ich sehr froh, Martin hier zu sehen. Ich weiß, dass es unglaublich schwierig ist, ihn in dieser Situation zu unterstützen und zu helfen. Aber ich weiß, dass unter unseren Leser viele, viele Leute sind, die diese Situation kennen, die ihm zuhören werden oder einfach nur ein paar persönliche Worte schreiben werden. Seid so gut und lasst alles raus, was Euch dazu einfällt. Das schlimmste ist in so einem Moment alleine zu sein.

Ob es das jetzt schon war? Ob wir uns wieder zusammenraufen? Ob ich mir mit meiner Entscheidung sicher bin und mir bewusst ist, welches Risiko ich eingehe? Keine Ahnung, ich will keine falsche Hoffnung wecken. Und wer weiß schon, wann ein Risiko zu hoch ist, diese Frage beantwortet einem letztendlich das Bauchgefühl und die eigene Erfahrung. Letztendlich ist der Umstand, dass ich hier gelandet bin auch nur eine Folge dessen, dass ich das Risiko eingegangen bin, meinen Job zu kündigen, meine Zelte weitgehende in Dresden abzubrechen und mit einem Schiff über den Atlantik zu segeln. Die meisten Menschen sagten mir damals, das Risiko sei es nicht Wert. Falsch! Bei all den oberflächlich betrachteten manchmal abstrusen, unerklärlichen, irrationalen oder risikoreichen Entscheidungen die ich in meinem Leben bisher getroffen habe, hat mich ein Spruch geleitet: Man wir später einmal die Fehler am meisten bereuen, die man nicht riskiert hat.

Hier schreibt Martin: Der Beitrag ist nun schon eine Weile als Entwurf vorhanden. Leider sind alle Versuche gescheitert, die Hoffnung auf eine gemeinsame Weiterfahrt gemacht haben. Das hat mir Claudia leider vor kurzem sehr deutlich gezeigt. Um es kurz zu machen: Ich stehe völlig neben mir. Es kann durchaus sein, daß dies der letzte Beitrag in diesem Reiseblog war. Man möge auch die Rechtschreibfehler und fehlenden Endungen verzeihen. Darin war Claudi ein Meister. Mir steht im Moment überhaupt nicht der Sinn danach das zu korrigieren. Da geht er dahin, der karibische Traum...

So long,

Martin

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