ST. Vincent & Grenadines – alte und neue Bekannte (5/14)

in #deutsch3 months ago

Seit heute morgen (Di, 21.07.) ist es amtlich, der erste Tropische Sturm mit Namen Gonzalo formt sich auf dem Atlantik und zieht kontinuierlich in Richtung der Kleinen Antillen. Die Wettermodelle variieren dabei jedoch noch stark, wo das Zentrum des Sturmes über die Karibik ziehen wird. Dass es in den nächsten Wochen bzw. Monaten ungemütlich, vielleicht auch gefährlich werden kann, war uns durchaus bewusst, nur nicht dass es so früh schon losgeht. Gonzalo ist noch gute 700 sm also etwa vier Tage entfernt. Die Spekulationen und Horrorszenarien schießen aber jetzt schon in‘s Kraut, viele Segler werden nervös. Uns lässt die Entwicklung natürlich auch nicht kalt, mit einer derartigen Wetterlage haben wir für unserer einjährigen Trip gar nicht gerechnet. Im Gegenteil: der gesamte Zeitplan war darauf ausgelegt, die Hurrikan Saison um jeden Preis zu umgehen. Nun ist sie da! Wir beschließen, die Wetterlage erstmal genau im Auge zu behalten und vielleicht morgen oder übermorgen zu entscheiden, ob wir Bequia besser auch verlassen sollten. Letztendlich hängt es im Wesentlichen davon ab, ob die Zugbahn des Sturmes nördlich oder südlich von uns verlaufen wird. Momentan ist eine Prognose darüber eher Kaffeesatz-Leserei aber es deutet viel darauf hin, dass Gonzalo die südlichen Antillen passieren wird.

Im Moment ist also Warten angesagt und ich vertreibe mir die Zeit mit Strandspaziergängen. Der Princess Margaret Beach und die Lower Bay erfüllen jedes Postkarten-Klischee eines Karibiktraumes. Perlweißer Strand von Palmen und Mandelbäumen gesäumt, türkisfarbenes Wasser, eine leichte warme Brise weht über die Bucht. Der Ortsteil Lower Bay ist geprägt von kleinen Holzhäuser, viele davon hinter großen alten Bäumen versteckt. Einige säumen die Straße, die direkt am Strand vorbei führt, Blick auf‘s Meer also inklusive. Die Lage zieht natürlich auch Zugezogene an, die ihren Traum vom Ferienhaus oder Wohnsitz in der Karibik protzig in Beton gießen, ungeachtet dessen, ob sich der Neubau in das alte Gefüge irgendwie einordnet - man zeigt halt was man hat. Trotzdem ist Lower Bay eine kleine Perle und wäre nicht gerade Nebensaison würde auch hier das Leben pulsieren. Auf meinem kurzen Streifzug sehe ich wiederum kaum einen Menschen, gegrüßt wird nur aus der Ferne, die Menschen ziehen sich sehr in‘s Private zurück. In jedem zweiten Haus scheint es eine Bar oder ein kleines Restaurant zu geben, aber es ist auch hier leider alles geschlossen. Nur eine Bar am Strand, das Keegan‘s, ist geöffnet. Das Reef nebenan öffnet wenigstens am Wochenende seine Tore, aber auch hier sind die einzigen Gäste Segler und Zugezogenen. Wir sind nun schon fünf Tage hier, aber mit Einheimischen sind wir bisher so gut wie gar nicht in Kontakt gekommen. Überhaupt habe ich das Gefühl, das das Interesse an Fremden bzw. Seglern hier viel viel geringer ist, als wir das auf Dominica erlebt haben. Ob es nun die Angst vor Corona ist oder einfach nur weil in der Nebensaison die Geschäfte und damit auch die Kontaktfreudigkeit zurück gehen, kann ich nicht sagen.

Während ich mit Blick auf die Bucht an meinem Passionfruit-Saft (noch immer mein Favorit) nuckle, schaue ich schnell nach, was Gonzalo so macht. Mich erreicht dabei eine Nachricht von Freunden, die sich in den Mangroven in Carriacou verkrochen haben. Andy und Joanna haben schon mehrere Hurrikan Saisons in der Karibik erlebt und haben uns somit einiges an Erfahrung voraus. Andy warnt uns eindringlich, den Sturm in Bequia auszusitzen, noch dazu an einer Mooringtonne mitten in der Bucht abzuwettern. Es sei noch genug Zeit für uns, die knapp 40 sm südwärts zu segeln, um ebenfalls Schutz in den Mangroven zu suchen …. Mmmh, jetzt bin ich aber doch etwas nervös. Die Nachricht leite ich gleich an Martin weiter und mache mich auf den Heimweg. Es ist Donnerstag Mittag und Gonzalo wird in der Nacht von Freitag auf Samstag erwartet. Martin ist aber die Ruhe in Person und macht so gar keine Anstalten, sich aus Bequia entfernen zu wollen. Wir schauen uns die bisherige Zugbahn des Sturmes zum gefühlt hundertsten Mal genauer an und sehen, dass das Zentrum wie auf einer Linie bisher konstant nach Westen zieht. Auf die vorhergesagte Drehung nach Nordwest gibt es absolut keine Anzeichen. Nördlich des Sturmtiefs befindet sich seit Tagen ein massives Windfeld aus Nordost, welches Gonzalos Zugbahn bestimmt und daran hindert, sich mit der Corioliskraft nach Norden zu drehen. Wir beschließen also bis morgen früh zu warten.
Außerdem hat Martin derzeit ganz andere Dinge im Kopf, richtig, es gilt mal wieder einen Außenbordmotor in Gang zu bringen.

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sehr spannend und atemberaubende bilder.....ihr habt echt was erlebt und euer auge wurde schön gefüttert.....lg

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