ST. Vincent & Grenadines – alte und neue Bekannte (7/14)

in #deutsch2 months ago

Die Zeichen stehen am Freitag nicht gut, zumindest wenn man der „Panik“ im Segelfunk über VHF oder in den social-media-groups folgt. Die Ankunft Gonzalos scheint sich ein wenig zu verzögern, statt kommende Nacht wird der Sturm erst im Laufe des Samstags über die Antillen ziehen. Am morgen macht sich ein kleine Flotte von 8 Booten aus Bequia auf den Weg nach Süden, Ziel Grenada oder Trinidad. Grenada lässt Schiffe in einer solchen Notlage einlaufen, Trinidad jedoch macht keinerlei Ausnahmen. Die Ankerbucht ist tatsächlich leerer geworden, manche segeln nach Norden, andere scheinbar einfach nur raus aufs offene Meer zu Abwettern. An Gonzalos Zugbahn hat sich noch immer nichts geändert, es gibt keinerlei Anzeichen dass das Sturmtief, wie momentan vorhergesagt, direkt über Bequia ziehen wird. Nach langem Hin und Her vertrauen wir auf unser Bauchgefühl und vor allem auf die bisher tatsächlich aufgezeichneten Daten (nicht die angenommenen) und beschließen, in Bequia zu bleiben. Vorkehrungen müssen aber trotzdem getroffen werden, besser man hat als man hätte. Als erstes suchen wir uns eine möglichst starke und gut verankerte Mooringtonne in tieferem Wasser. Wenn das Sturmtief durchzieht entwickelt sich mit Sicherheit ein starker Schwell, die Wellenhöhe könnte dann gut 1m vielleicht auch mehr betragen. An unserem jetzigen Ankerplatz haben wir gerade mal 60 cm Wasser unter dem Kiel, viel zu wenig, wir könnten aufsitzen. An der ausgewählten Tonne beträgt die Wassertiefe gute 12 m was definitiv ausreichen sollte. SELENE wird mit zwei sehr langen Leinen an der Mooring vertäut, wodurch das harte Einrucken über die Länge der Festmacherleinen gedämpft wird. Als nächstes klaren wir das Deck auf, sprich alles was irgendwie davon fliegen könnte oder dem Wind zusätzliche Angriffsfläche verschafft, wird abgebaut. Das Dinghy wird extra fest auf dem Deck gesichert. Als letztes hohlen wir die große Genua ein und ziehen statt dessen die Sturmfock auf. Sollten wir uns doch los reißen oder wir aus irgend einem anderen Grund die Bucht verlassen müssen, brauchen wir ein Segel mit dem man auch im Sturm das Schiff noch steuern kann. Wir hoffen ja, dass es nicht notwendig ist, aber man weiß ja nie… keine halbe Stunde später setzten dann auch schon Wind und Regen ein, es schüttet wie aus Eimern, der Wind pegelt sich bei moderaten 15 – 25 kn ein. So geht das dann den gesamten Tag, Platzregen, kurz Sonne, Platzregen, Windböen, kurz Sonne … auch die Nacht bleibt verhältnismäßig ruhig und wir sind uns inzwischen sicher, dass hier in Bequia kein großes Unheil zu erwarten ist. Die Vorhersagen wurden alle korrigiert, Gonzalo verhungert auf seinem Weg nach Westen und überquert die Antillen noch südlich von Grenada – wir haben also alles richtig gemacht. Oder einfach nur Glück gehabt? Wir werden sehen, der nächste Sturm kündigt sich bereits an und dieses mal könnte es ein richtig großer, vielleicht sogar der erste Hurrikan 2020 werden.

Am Samstag sind nur ganz leicht die Ausläufer von Gonzalo zu spüren. Wie erwartet dreht der Wind von NO über Ost auf SO begleitet von ein paar Schauern, von Sturmbedingungen kann keine keine Rede sein. Martin legt letzte Hand am Mercury an, die Stunde der Wahrheit ist gekommen … und die Kiste läuft, juhu. In 10 Minuten verfeuert mein stolzer Mechaniker einen guten Liter Benzin um den Mercuryy zu testen. Schein alles zu funktionieren. Nur noch den Vergaser einstellen, und dann das Gerät so schnell wie möglich verkaufen.

Am nächsten morgen ankern wir wieder an vorheriger Stelle. Der für in drei Tagen angekündigte Sturm soll dieses mal sehr weit im Norden, wahrscheinlich auf Höhe von Dominica und Guadeloupe durchziehen, für uns also keine Gefahr. Die Tage plätschern so dahin, das Wetter bleibt unbeständig und wir spielen das Spiel „Decksluken auf und Decksluken zu“. Die Arbeit am Blog wartet, 12 unglaublich schöne und ereignisreiche Wochen auf Dominica wollen erzählt werden. Die Bucht füllt sich wieder und es kommen erstaunlicherweise immer mehr Charterboote, eigentlich ausnahmslos Katamarane, dazu. Mich wundert, wo die alle herkommen! Denn es sind ausschließlich französische Boote bzw. französische Crews an Bord. Wenige Tage später klärt sich die Frage schnell auf: als Franzose reißt man über z.B. Martinique ein, der notwendigen PCR-Test ist für Landsleute kostenlos zu haben. Man übernimmt die gecharterte Yacht in Martinique und segelt schnurstracks nach St. Vincent. Mit einem negativen Testergebnis kann man dann binnen 5 Tagen in SVG einreisen und spart sich hier einen erneuten Test. Eigentlich idiotisch, wenn man so will auch verantwortungslos! Nur als Beispiel: ich mache einen Test bei meinem Hausarzt und erhalte ein negatives Ergebnis. Am nächsten verabschiede ich mich ausgiebig bei Freunden und Bekannten und fliege am übernächsten Tag in die Karibik. Dort angekommen über nehme ich die Yacht und fahre damit nach St. Vincent (dauert vielleicht 6 Stunden da die meisten eh nur motoren und nicht segeln). In St. Vincent gehe ich an Land, checke ein und kann mich von da an überall frei bewegen, kein Mensch wird mich erneut auf das Virus testen… Ich bin mir noch unschlüssig, wem man hier den größeren Vorwurf machen kann: den Crews, die auf Biegen und Brechen ihren Urlaub durchboxen oder den Administrationen auf den Inseln, die diese Regularien erlassen haben. Warum mich das so auf die Palme bring? Nun, ganz einfach, wie überall wirkt sich das Verhalten einiger weniger schwarzer Schafe negativ auf eine gesamte Gruppe aus, in diesem Fall die Segler allgemein. Es wird unter den Locals nicht oft zwischen Chartercrews im Urlaub und Langfahrtseglern auf Reise unterschieden. Bisher ist Gott sei Dank nicht ein Fall aufgetreten, dass Segler das Coronavirus zu einer der Inseln gebracht haben, wir hoffen alle inständig, dass dies auch so bleiben wird! Alle Segler sind heilfroh, dass die meisten Inseln ihre Grenzen wieder geöffnet haben. Sollten erste Corona-Fälle auf Yachten auftreten, wird sich das insbesondere bei der Einreiseprozeduren negativ auf jeden Segler auswirken, wenn nicht sogar erneut zu generellen Einreiseverboten führen.

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Tolle Bilder, sehr gut geschrieben, also alles bein Alten. Freue mich schon auf die nächsten Blogs! Das kleine Schlauchboot mit dem Aussenmotor finde ich Mega. Da ist der Motor ja fast grösser als das Boot! Grins!

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Na noch mal Glück gehabt.

Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel ist eine gute Sache... :o)

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