Negativer Ölpreis - Warum, Wieso?

in #deutschlast year

Liebe Steemitgemeinde,
Liebe Freiheitsfreunde,
Liebe Freiheitsfeinde,

ich habe mich ja gestern schon zum negativen Ölpreis geäußert.
Heute möchte ich etwas genauer erklären, warum sich die Ölpreise so verhalten, wie sie sich verhalten.

Heute geht der Crash am Ölmarkt übrigens weiter.
Der aktive June Kontrakt war zwischenzeitlich schon wieder 25% im Minus.

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Warenterminkontrakte

Öl wird an der Börse nicht wie Aktien gehandelt sondern mit Warenterminkontrakten (Futures).
Man handelt nicht das Öl von heute, sondern das Öl, das in Zukunft gefördert wird.
Es gibt für alles Mögliche Futures-Kontrakte, z.B. Mais, Öl, Gold, Silber, Anleihen, Aktienindizes, Schweinefleisch, Rindfleisch, Sojabohnen, Kaffee, Benzin, Heizöl, usw.

Die Chicago Mercantile Exchange ist die Börse an der Futureskontrakte gehandelt werden.
Der Käufer eines Kontrakts verpflichtet sich das Produkt zu seinem Kaufpreis zum Lieferungstermin abzunehmen und der Verkäufer verpflichtet sich das Produkt zu dem Preis zu liefern.
Der Käufer eines Futureskontrakt ist long, er profitiert also von steigenden Preisen.
Der Verkäufer ist short, er profitiert von fallenden Preisen.

An den Futuresmärkten hedgen die Produzenten ihr Risiko.
Der Maisbauer kann sich einen guten Preis für seine Ernte sichern, noch bevor er überhaupt ausgesät hat, indem er Corn-Futures shortet.
Fluggesellschaften kaufen Öl-Futures, wenn der Preis niedrig ist, um sich gegen steigende Treibstoffpreise in der Zukunft abzusichern.
Banken shorten häufig Bond-Futures, wenn sie langfristige Kredite vergeben haben, um sich gegen steigende Zinsen abzusichern.

Natürlich würden Futuresmärkte ohne Spekulanten nicht funktionieren.
Die Produzenten oder Unternehmen, die ihr Risiko hedgen wollen, haben ja in der Regel alle die gleiche Meinung über zukünftige Preisentwicklungen.
Sie wollen entweder alle long oder short gehen.
Spekulanten sind bereit die andere Seite eines Trades zu übernehmen.

Wenn also alle Mais verarbeitende Unternehmen glauben, dass die Maispreise steigen und deshalb long gehen wollen, braucht es Spekulanten, die auf fallende Preise setzen wollen.
Nicht weil sie etwas mit Mais am Hut hätten, sondern weil sie zocken wollen.

Jeder Konsument sollte Gott auf Knien danken, dass es diese Futuresmärkte und die Spekulanten gibt, sonst würden nämlich die Firmen ihr Risiko beim Endkunden in Form von höheren Preisen abladen.

Wenn also irgendwelche Politiker fordern, dass Spekulation auf Nahrungsmittel oder Rohstoffe verboten werden sollte, dann ist das ein Zeichen, dass sie entweder Idioten oder Populisten sind.

Bei den meisten Futures gibt es für jeden Monat einen extra Kontrakt.
Schauen wir uns das Ganze einmal am Beispiel von Öl an.

Ein Öl-Future umfasst 1,000 Barrels (= 159l = 42 Gallonen) West Texas Intermediate Light Sweet Crude Oil.

Wie man in folgender Tabelle sehen kann, wird das Öl je weiter die Lieferung in der Zukunft liegt immer teurer.
Dies nennt man in contango.
Das Öl mit Lieferung in der Zukunft ist deshalb teurer, weil die Lagerkosten in den Preis eingerechnet werden.

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Wie man in der Tabelle sehen kann, kostet das Öl mit Lieferung im Februar 2021 um etwa $15 pro Barrel mehr als das Öl mit Lieferung im Juni.
Deshalb ist es nicht so einfach, einfach zu sagen, “Ich kaufe jetzt Öl wo es doch so billig ist und verkaufe dann wenn die Coronakrise vorbei ist und der Preis wieder höher ist.”
Will man das machen, muss man erst einmal die $15 Lagerkosten pro Barrel berappen.

In der Regel lässt sich kaum einer das Öl wirklich ausliefern, man schließt einfach seine long Position und eröffnet eine neue im nächsten Monat, verliert dabei aber jedes Mal Geld.
Da man ja den relativ billigen Kontrakt im front month verkauft und für den neuen Kontrakt mehr bezahlen muss.

Wer jetzt glaubt, er ist besonders schlau und kauft Öl ETFs, um die rolling Kosten zu umgehen, sollte sich besser ein anderes Hobby suchen.
Öl ETFs bestehen auch aus Futures und müssen diesen Futures-Roll, bei dem man jeden Monat Geld verliert genauso machen, d.h. auch diese ETFs verlieren in der Regel Geld.
Da sie regelmäßige bei einem Kurswert von nahe 0 ankommen, macht man immer wieder einen Reverse Split (z.B. aus 100 Altaktien wird 1 Neuaktie).
Geld verdienen kann man mit diesen Produkten nur kurzfristig, oder wenn der langfristige Preisanstieg deutlich höher ausfällt als die Lagerkosten.

Man sollte nie vergessen:
Immer wenn man glaubt, man ist schlauer als der Rest des Marktes, weil man etwas gefunden hat, auf das noch niemand vor einem gekommen ist, dann wird das sehr teuer werden.

Ich schätze mal 90% der Kryptoinvestoren können ein Lied davon singen.
Auch ich habe in der Vergangenheit schon zwei Mal meinen Account in die Luft gejagt.
Ohne dass man Lehrgeld bezahlt geht es eben nicht.

Leider hört man meist nur die Geschichten von den Leuten die BTC bei $1 gekauft haben und bei $20k ausgestiegen sind.

Die Lieferung

Zurück zum Öl.

Die CME lässt bei Öl die physische Auslieferung nur zu, wenn man nachweisen kann, dass man auch den Platz zur Öllagerung hat.

Die eigene Badewanne oder der Swimmingpool reicht aber dafür nicht aus.
Entweder man mietet Lagerkapazitäten im großen Öllager in Cushing in Oklahoma oder man kauft Einspeiserechte in eine Pipeline.

Da gestern noch viele Trader offene Mai Positionen hatten ohne diesen Nachweis bringen zu können, hat die CME gestern die Broker informiert, dass sie auch negative Preise für die Ölfutures akzeptieren, deshalb wurden unzählige Kontrakte zwangsliquidiert.
Dies hat den Preissturz ins Negative ausgelöst.
Man musste also dafür bezahlen, dass einem jemand sein Öl abnimmt.
Weil es praktisch nirgends mehr freie Lagerstätten gibt, ergab sich ein Preis von minus $37.
Supply and demand at its best.

Mal schauen wie es nächsten Monat sein wird.

Bis bald.
Stephan Haller

P.S. Falls jetzt einige Marktwirtschaftskritiker schon wieder ihre Messer wetzen.
Diesen Leuten kann ich nur sagen, dass diese Krise nicht von freien Märkten, sondern von Politikern ausgelöst wurde.
Die Menschen verbrauchen momentan kein Öl, weil sie nicht dürfen und nicht, weil sie nicht wollen.

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Man musste also dafür bezahlen, dass einem jemand sein Öl abnimmt.

Das war endlich mal eine vernünftige und unverschwurbelte Erklärung einer für Laien seltsamen Preisentwicklung.

Ich hätt' eben doch den Tanklaster einsetzen sollen ;-)

dann ist das ein Zeichen, dass sie entweder Idioten oder Populisten sind.

Sie sind Idioten. Ich weiß es, wirklich.

P.S. Falls jetzt einige Marktwirtschaftskritiker schon wieder ihre Messer wetzen.
Diesen Leuten kann ich nur sagen, dass diese Krise nicht von freien Märkten, sondern von Politikern ausgelöst wurde.
Die Menschen verbrauchen momentan kein Öl, weil sie nicht dürfen und nicht, weil sie nicht wollen.

Das das Elend von Politikern verursacht ist, ist natürlich schon richtig. Jedoch nicht erst kürzlich im Zusammenhang mit dem Virus.
Man sollte nicht vergessen, das der Virus erst seit Dezember bekannt ist, und die Maßnahmen, die die Wirtschaft fast zum Erliegen bringen, noch später in Kraft traten.
Die allgemeine Schwäche der Weltwirtschaft, und der damit verbundene Rückgang der Rohstoffnachfrage (und somit der Preisverfall) war aber schon voher im Gange. Gerade beim Öl gab es in den letzten 2 Jahren viel Unruhe unter den Produzenten, weil die Preise chronisch niedrig waren. Was den Scheichs, aber auch der Frackingindustrie in den USA schwer zusetzte, weil die bei Preisen unter $50 nicht rentabel arbeiten können.
Nicht umsonst wurden diverse "Krisen" heraufbeschworen, wie die Zwischenfälle in Saudi Arabien oder im Persischen Golf.
Natürlich hat der jetzige Stillstand alles noch verschärft. Aber nun hat man ja einen perfekten Grund warum alles den Bach runter geht: den Virus.

Eine Rezession war überfällig, das stimmt.
Aber negative Ölpreise hätte es unter normalen Umständen niemals gegeben.

Das mag sein, aber die Preise wie sie jetzt sind ($10 oder auch weniger) wahrscheinlich schon irgendwann. Oder man hätte mal wieder einen Nah-Ost Krieg angezettelt, um den Preis höher zu halten.
Aber ich vermute mal, der Virus kommt so manchen ganz gelegen. Der ist jetzt der Grund für alle Probleme - vorher lief ja alles bestens...